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Wir leben noch.

Autor: Till | Datum: 19 Dezember 2011, 18:39 | Kommentare deaktiviert

So, da jetzt schon mehr mals Nachrichten kamen in denen gefragt wurde ob es uns gut geht, hier ein kurzer Kommentar dazu.

Also die Flut bzw, der Taifun hat uns nicht getroffen, da er auf der südlichen Insel Mindanao gewütet hat. Wir sind im Norden auf Luzon, ca. 1000 km entfernt. Also sind wir wohl auf und unbeschadet. Allerdings trifft man natürlich jede menge Menschen, deren Familien betroffen sind und so ist es schon sehr präsent und man merkt, dass es wieder mal eine Tragödie ist, die das Land heimgesucht hat. Da wir momentan Teil des Landes sind ist das verständlicherweise nicht schön. Direkte Folgen hat die ganze Sache für uns jedoch nicht. 

So ich hoffe mal das jetzt niemand mehr denkt wir wären weggespühlt worden oder so ;) 

Schönen Gruß 

Till

 

 

Human Rights Week

Autor: Till | Datum: 10 Dezember 2011, 15:54 | Kommentare deaktiviert

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„Mabuhay Karapatan!“ Ein Schrei der Hunderte Menschen aller Klassen und Schichten der Gesellschaft eint. In Deutsch übersetzt bedeutet er „Lang lebe Karapatan.“ Karapatan, das ist die größte Menschenrechtsbewegung der Philippinen.

Wir befinden uns im Zentrum Manilas, mitten auf der Straße, bei strömendem Regen und lauschen der Rede, die eine der Sprecherinnen der Organisation, von der Pritsche eines Lastwagens herab hält. Es ist eine wütende Ansprache, immer wieder hebt sie ihre Stimme und fordert die Unterstützung der Zuhörer ein, die wiederum aus vollem Hals antworten. Die Menschen haben das Recht und allen Grund wütend zu sein. Es ist die internationale Woche der Menschenrechte, die am 10. Dezember im Human Rights Day endet.

Diese Woche wollen die Aktivisten, dieser und vieler anderer Organisationen, nutzen um auf die Zustände im Land aufmerksam zu machen und offen dagegen zu protestieren.

Deswegen sind sie nun auf der Straße, junge Studenten, Farmer, Arbeiter und viele mehr, alle mit dem Ziel einen Wandel im System der Ungerechtigkeit und Unterdrückung herbei zu führen. Denn was die westlichen Medien kaum erreicht ist die Tatsache, dass die Situation der Bevölkerung auf den Philippinen, was die Einhaltung von Menschenrechten und den Umgang mit politischen Gegnern erschreckend ist. Fast jeden Monat verschwinden neue Menschen, oder werden auf offener Straße ermordet. Bei den Opfern handelt es sich um Führer von Oppositionspartein, Studentengruppen oder Gewerkschaften, die ihre Meinungen in der Öffentlichkeit kundgegeben haben. Neben diesen Extrajudical Killings, kommt es zu Folter, Bedrohung und Verhaftungen von Aktivisten.  

Doch Forderung nach den Menschenrechten beinhaltet auch die Anklage derjenigen, die an der Spitze des Staates stehen und damit direkte Verantwortung, für die Ermordungen oder das Verschwinden von politischen Aktivisten, Folter und Unterdrückung tragen. Besonderen Hass empfinden die Menschen dabei für Gloria Macapagal-Arroyo, der vorherigen Präsidentin der Philippinen. „Nie, seit den 14 Jahren der totalen, faschistischen Diktatur von Ferdinand Marcos (1972-86), wurde die Verletzung und Unterdrückung von Menschen- und Bürgerrechten so ungestraft betrieben, wie in den neun Jahren des Arroyo Regimes. Es war der zurückgekehrte Terror des Staates[1].“, so ist es zu lesen im Jahresbericht von Karapatan. In den neun Jahren unter Arroyo fielen 1,206 Menschen den Extrajudical Killings zum Opfer, 475 davon waren Mitglieder in Organisationen2, die sich kritisch gegenüber dem Staat zeigen. Darüber hinaus verschwanden in dieser Zeit 206 Menschen2, deren Verbleib zum Teil immer noch ungewiss ist.

Die Frau auf der Bühne weiß wovon sie spricht, ihr Vater wurde ermordet von eben diesem Regime und dennoch, oder grade deshalb lässt sie sich nicht einschüchtern und steht immer noch offen für die Rechte der Bürger ein. Prozesse gegen Gloria Macapagal-Arroyo, das ist was sie fordert, eine gerechte Bestrafung für all die Verbrechen, die unter ihr Begangen wurden und für all das Leid, das sie damit über die Menschen brachte.

Doch nicht nur Arroyo wird kritisiert, auch der neue Präsident Benigno „Noynoy“ Aquino III wird scharf kritisiert. Er versprach Veränderungen, die Achtung von Menschenrechten, Verbesserungen in den Bedingungen unter denen die Menschen arbeiten müssen und einen Wandel in der Wirtschaftspolitik, doch wenig davon wurde umgesetzt. Immer noch wird eine ausbeuterische Wirtschaftspolitik betrieben, Verträge mit ausländischen Firmen, die die Philippinen als billiges Produktionsland oder Quelle von Rohstoffen betrachten wurden verlängert. Speziell im Bereich der Rohstoffförderung blutet das Land praktisch aus, wo vorher weiße Strände mit himmelblauen Wasser waren ist nun nur noch roter Schlamm und eine bräunliche Brühe zusehen, hervor gerufen durch die Rückstände die bei der Förderung entstehen und die von den internationalen Konzerne in die Flüsse und ins Meer pumpen. Speziell in den Landesteilen in denen diese „mining companies“ zugange sind kommt es regelmäßig zu brutalen Auseinandersetzungen mit der örtlichen Bevölkerung, die sich gegen die Zerstörung ihrer Heimat auflehnt. Doch nicht nur in diesem Sektor sind die Philippinen von ausländischen Firmen abhängig, auch in den anderen Wirtschaftssektoren wird lieber in Subventionen für ausländische Konzerne investiert, als in einen Aufbau der eigenen Wirtschaft. Aquino bekam deshalb, wie schon vor ihm Arroyo, den Beinamen US-Aquino von den Gegnern der Regierung angehängt. Doch es sind nicht nur amerikanische Firmen die das Land ausbeuten, australische Konzerne sind genau so involviert wie japanische, aber auch deutsche. Deutsche Banken finanzieren aktiv die Zerstörung des Landes durch die mining companies und auch andere Unternehmen aus Deutschland lassen hier billig produzieren.

Doch nicht nur in diesem Bereich hat sich nichts verändert, weiterhin sterben und verschwinden Menschen und weiterhin ist eine offene Kritik an der Regierung kaum möglich, ohne Folter und andere Schrecken fürchten zu müssen. Die Demonstranten wissen, dass die Stagnation nicht alleine an Aquino liegt. In einem kaputten System voller Korruption ist ein Wandel durch friedliche Proteste kaum möglich, doch für eben diesen Wandel gehen die Menschen auf die Straße. In einem Konvoi fährt die Gruppe, die ich begleitet habe, durch das Land und hält an Plätzen an, an denen Menschen ermordet wurden, oder gibt Kundgebungen vor Gefängnissen in denen politische Gefangene festgehalten werden. Bei den Veranstaltungen werden wir von der Polizei beobachtet, Autos ohne Kennzeichen halten am Straßenrand und aus dem dunklen Innenraum werden Fotos von den Gesichtern der Organisatoren und Teilnehmen gemacht. Männer mit dunklen Sonnenbrillen, auf ebenfalls nicht registrierten Motorrädern erscheinen und nach kurzer Zeit rückt dann die offizielle Polizei an. Diese inoffiziellen Mitarbeiter der Polizei, oder des Militärs, sind Teil von Gruppen die Informationen über Aufrührer sammelt, sie sind verantwortlich für Ermordung von Menschen die für ihre Rechte einstehen. Wenn die Organisatoren die Konfrontation mit ihnen suchen, verschwinden sie meist innerhalb der nächsten Minuten und auch das Festhalten ihrer Gesichter, bzw. die Dokumentation davon, wie sie die Demonstranten filmen wird verhindert. Man sieht sie in der Menge die sich ansammelt wenn eine Rede gehalten wird, eine stetige Bedrohung für die Aktivisten, doch diese lassen sich nicht einschüchtern. Es ist eine wilde Mischung von Leuten die sich hier zusammen geschlossen hat. Farmer, die ihr Land nicht besitzen, sondern von Großgrundbesitzern (Landlords) ausgenommen werden. Arbeiter, die nur für 3 Monate am Stück arbeiten und dann ersetzt werden, damit es nicht zur Etablierung von Gewerkschaften kommt. Studenten, die ihr Land nicht verlassen müssen wollen um Geld zu verdienen. Jugendliche, manche erst 14 Jahre alt, aus den ärmsten Vierteln der Stadt, deren Häuser abgerissen werden sollen, um Platz für Projekte der Stadt zu schaffen. Auch die Kirche ist aktiv beteiligt, in den letzten Jahren verloren sie 21 Menschen an das System und viele andere wurden bedroht, verschleppt und gefoltert. Aus diesem Grund stehen zum Teil Pfarrer in vorderster Front und vor dem Gefängnis der politischen Gefangenen wird nicht nur eine Rede gehalten, sondern es gibt zusätzlich einen ökumenischen Gottesdienst.  All diese Menschen sind geeint in dem Willen etwas zu verändern und für ein besseres System zu kämpfen. Eine Woche haben sie sich vorbereitet und zusammen mit einer Künstlergruppe ein kulturelles Programm ausgearbeitet, das den Kampf des Volkes gegen das Regime darstellt, so gibt es bei jedem Halt neben den Ansprachen auch Darbietungen und Schauspiele voller Emotionen. Zum Beispiel wird am Platz der Ermordung eines Führers der Bauernbewegung, eben diese Ermordung nach gestellt und während der folgenden Rede bleibt das Opfer als mahnendes Beispiel aus der Straße liegen, dahinter ein Plakat mit den Daten und dem Gesicht des wirklichen Opfers.

Das Ziel des Konvois war Manila, die Hauptstadt, wo sich immer mehr Menschen zusammenschließen um zu protestieren. Sie schließen sich dem Occupy Mendiola Movement an und protestieren Schulter an Schulter gegen das System der Unterdrückung. Doch während es auf unserer Fahrt durch das Land friedlich zuging, setzt die Polizei hier brutale Mittel ein. Mit zentimeterdicken Holzstöcken schlägt sie, zum Teil willkürlich, auf die Demonstranten ein und Wasserwerfer werden mitten in die Menge gerichtet.

Präsident Aquino nennt die Bewegung einen Haufen von Aufrührern, eine Bezeichnung die in Anbetracht der politischen Lange definitiv nicht gerechtfertigt ist.

Ein anderer Name trifft eher zu, Aktivisten für Gerechtigkeit und Frieden.



[1] 2010 Year-End Report, Karapatan S. 15

2 basierend auf den Berichten von Karapatan

 

 

Till als Lehrer

Autor: Till | Datum: 02 Dezember 2011, 13:51 | Kommentare deaktiviert

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Nach langer Zeit gibt es jetzt mal wieder wirklich aktuelle Neuigkeiten von den Philippinen.

Ich hab ja diverse Male schon angekündigt, dass ich als Hilfslehrer in eines der Daycare Centers des Gebietes hier arbeiten werde und mittlerweile ist das wirklich der Fall.

Anfang November machte ich mich auf den Weg nach Agdangan, einem Dorf ca. eine Stunde von Lucena entfernt. Dort angekommen besuchten wir dann zum ersten Mal das Center und der erste Eindruck war sehr positiv. Wir wurden von den Kindern begrüßt und auch die Lehrerin war wirklich sehr nett, ich freute mich also schon auf den Beginn der Arbeit. Bevor ich jedoch was zur Arbeit an sich schreibe, vielleicht erst mal ein paar Infos zur Einrichtung an sich.

Das Center befindet sich ein ca. 8 km außerhalb des Dorfes in mitten von Reisfeldern. Einzig ein paar schlecht zusammen gezimmerte Häuser umgeben es. Die meisten der Kinder leben in eben diesen Hütten und die Eltern arbeiten auf den Feldern, bzw. sammeln Holzkohle in den umliegenden Bergen. Das Leben dort ist sehr ärmlich, da die Familien keinen wirklichen Grundbesitz haben, was wiederum daran liegt, dass sie ihr eigentliches zu Hause verlassen haben (eine noch ländlichere Region) um in der Nähe der Stadt zu leben. Allerdings reicht der Verdienst, den sie nun erwirtschaften, kaum fürs Überleben, so dass auch die Kinder eingespannt werden müssen.

Insgesamt angemeldet in dem Center sind 22 Kinder, allerdings gibt es kaum einen Tag, an dem wirklich eben diese 22 vor einem sitzen. Auf die Frage wo denn die anderen sind, gibt es dann immer die gleiche Antwort: „Sa bundok“ will heißen „auf dem Berg“ – Kohle sammeln.

Das Alter der Kinder variiert zwischen drei und elf Jahren, wobei die meisten zwischen 5 und 7 sind. Leider ist es so, dass das sich die Kinder sowohl von der geistigen Entwicklung, als auch vom ganzen Erscheinungsbild von einander unterscheiden. Hier macht sich stark der Einfluss der Eltern bemerkbar, also die Kinder, deren Eltern sich wirklich dafür engagieren, dass ihre Kinder einen Zugang zu Bildung bekommen, treten ganz anders auf, als diese deren Eltern in dem Programm mehr eine zusätzliche Nahrungsquelle sehen.

Dazu aber später mehr.

Jetzt erst mal zu meiner Arbeit. Am Anfang dachte ich, dass ich wohl den Kindern bei ihren Aufgaben helfen würde  und der Lehrerin beim Kochen, sowie der Essensausgabe zur Hand gehen würde. Doch dann wurde ich gefragt, ob ich nicht auch unterrichten wolle, und da ich dachte dass es die beste Möglichkeit ist mit den Kindern in Kontakt zu kommen, sagte ich spontan ja. Allerdings beschränkte ich mich auf Mathe, da ich den Kindern nicht in meinem schlechten Tagalog Sprachunterricht geben wollte. Also stand ich einen Tag später vor den Kindern und wollte erst mal gucken, was die Kinder denn so können. Das leicht erschreckende Ergebnis war, nichts. Zwar konnten sie die Zahlen von 1 bis 10 aufsagen, doch sie hatten keine Vorstellung davon, welche Zahl eigentlich welchen Wert hat und welche Ziffer zu welchem Wort gehört. Also war das Ziel des Monats die Zahlen von 1 bis 10 zu lernen und leichte Rechenaufgaben lösen zu können. Wirklich toll war, dass die Lehrerin (eine Mitarbeiterin aus der Kirche, die es mehr oder weniger ehrenamtlich macht) mir den Freiraum gab meine Ideen um zu setzen. Als erstes trennten wir die Gruppe, so dass ich mit den ältern Mathe machte und die kleinen Kids draußen Dinge wie Farben oder auch Körperteile lernten.

Der Unterricht an sich lief auch wirklich gut, doch manchmal war es schon ziemlich frustrierend, wenn man merkte, dass ein paar Kinder sich wirklich bemühten, es aber denoch nicht klappte und andere die das Potential haben eine Menge zu lernen, einfach nicht kommen oder unmotiviert in der hintersten Ecke sitzen und auch auf Zuspruch nicht bereit sind etwas zu machen, aber das sind vermutlich Probleme die jeder Lehrer hat. Doch es gab natürlich auch viele schöne Momente, wenn man zum Beispiel merkt, dass ein Kind sich wirklich darüber freut, dass es verstanden hat wie man Zahlen addiert und alle Ergebnisse richtig sind. 

 Außerdem schön zu sehen war es, wie viel Mühe die Lehrerin in ihre Schützlinge steckte, so schafft sie es jeden Tag mit 2 Euro 20 Kinder zu sättigen. Eine harte Erkenntnis, wenn man weiß, dass für einen selbst täglich ca. das doppelte eingeplant ist.

Des Weiteren bemüht sie sich, den Kindern ein Bewusstsein für Sauberkeit und Hygiene mit zu geben, besonders wichtig, da manche der Kinder morgens völlig verdreckt und ohne ihre Schulsachen vor uns standen. Am Anfang des Jahres wurde jedes Kind mit Schulsachen, wie Stiften, Heften usw. ausgestattet, doch während bei den einen Kindern die Sachen immer da und gut gepflegt sind, haben die anderen nur noch einen zerfetzen Haufen Papier. Auch hier merkt man den Einfluss der Eltern und es ist gut zu sehen, dass es auch Kinder gibt die jeden Tag motiviert und tiptop vor einem stehen und hier muss man wirklich sagen, dass es keine Frage des Geldes ist, da alle Familien arm sind.

Alles in allem war es jedoch eine sehr schöne Zeit mit den Kindern und ich freue mich darauf im nächsten Jahr noch mal da vorbei zu gucken, doch vorher verschlägt es mich wohl in ein anderes Daycare Center ein bisschen weiter von hier entfernt.